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21

Mittwoch, 25. August 2010, 23:34

Nein, ich verstehe das; wenn ich ehrlich bin, dann ist das auch in Seminaren für Studenten der Literaturwissenschaft nicht unbedingt anders - viele mögen einfach solche theoretischen Texte nicht, ich deutet das ja schon an.

Ich persönlich liebe diese Sachen zwar, weiß aber auch nicht, wie man sie anderen schmackhafter machen soll - Theorie bleibt Theorie.

Wie gesagt, mein Vorschlag wäre, einfach mal einzusteigen - manchmal hilft es, wenn man einfach schrittweise über Texte spricht, die einem nicht so liegen. Bei Barthes bietet sich das auch an, weil er jeden programmatischen Punkt in einem kleinen Kapitel erläutert. Ich kann ja das erste Kapitel einfach mal vorstellen...

Wenn du aber grundsätzlich keine Lust mehr darauf hast, ist das auch kein Problem - in der Schule oder einem Seminar wollen wir ja hier gerade nicht sein ;)
»Wir reden aneinander vorbei, wenn wir unsere Differenzen zudecken, statt sie zu formulieren.«
Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht, Köln, 1994, S. 410.

Fabi

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22

Donnerstag, 26. August 2010, 00:18

Ich werde es versuchen. "Aufgeben" kommt nicht in Frage. Zugesagt habe ich ja schon. :) Mit mir musst du aber wirklich etwas mehr Zeit einplanen, so gerne ich auch den ersten Schritt gerne machen würde: Es fällt mir einfach viel zu schwer. Im Nachhinein versuch ich Dinge zu verstehen, die ich nicht verstehe. Kennst du das nicht auch? Man erklärt sich selbst etwas, ohne es überhaupt verstanden zu haben. :D

23

Donnerstag, 26. August 2010, 01:28

Hehe, ja, sicher kenne ich das.
Über dies sagte ich ja schon, dass bei diesen Texten keiner alles versteht. Einen solchen Anspruch darf man einfach auch nicht haben – das frustriert zwangsläufig. Und Zeit haben wir hier auch mehr als genug.

Also, das zusammengefasste Vorwort der Herausgeber stellte ich bereits ein. Nun würde ich die – wie ich finde - wichtigsten Punkte aus Barthes Einleitung gerne gerafft darstellen:

Einleitung (Seite 40-41)

- Der Begriff Werk wurde bisher auf eine Newton’sche Weise gedacht, d.h. im mechanistischen Weltbild materialistisch: nur das Materielle existiert – nur das, was wir anfassen können, ist existent.

- Von diesem Werkbegriff ist der Begriff des Textes zu differenzieren: beide erfassen verschiedene Bereiche: Das Werk das (materielle) Buch, der Text etwas, dass es noch zu klären gilt.

- Sieben Sätze (die keine logischen, sondern grammatikalische, konstatierende, äußernde Sätze sind) werden von Barthes in »Vom Werk zum Text« behandelt:


1. Methode
2. Gattung
3. Zeichen
4. Plural
5. Filiation
6. Lektüre
7. Lust



Damit hätten wir schon die Einleitung. Wichtig ist hier also, dass Barthes seine programmatische Schrift begründet, indem er ankündigt, sich vom Werkbegriff zu trennen und demgemäß zunächst benennt, was das (Kunst-)Werk/das Buch inklusive seines Inhaltes bisher kennzeichnete und in welchen Grenzen man sich bewegte, wenn über es gesprochen wurde - nämlich: inhherhalb der Grenzen seiner Materialität (das man auch außerhalb dieser Grenzen über das Buch sprechen kann und stetig spricht, werden wir noch sehen). Der Text soll also etwas völlig anderes sein – dies gilt es in den folgenden sieben Kapiteln beziehungsweisen Sätzen zu klären.

Das wars bereits – mehr nicht! Wenn wir jetzt alle auf dem Schirm haben, was das wesentliche Merkmal des Werkes ist, können wir uns dem ersten Satz (Methode) widmen, um den Begriff des Textes im Barthes'schen Sinne zu ergründen.
»Wir reden aneinander vorbei, wenn wir unsere Differenzen zudecken, statt sie zu formulieren.«
Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht, Köln, 1994, S. 410.

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »AUTOPOETISCHES SYSTEM« (26. August 2010, 01:40)


24

Montag, 30. August 2010, 21:51

soooo... ich habe dann den Barthes-Text mal einer ersten Sichtung unterzogen (also noch gaaaanz weit von close-reading entfernt ;)) und glaube im Grunde verstanden zu haben, inwiefern Barthes das Werk vom Text unterscheidet und versuche es mal mit meinen Worten wiederzugeben (mit Sicherheit auftretende sprachliche Undifferenziertheit bitte ich zu entschuldigen - so richtig bin ich noch nicht im Thema :whistling: )

Das Werk ist materieller Natur, sozusagen die Hardware. Es ist das Buch, das ich in Händen halte, mit einer bestimmten Anzahl an Seiten. Mit der letzten Zeile ist das Werk abgeschlossen. Somit ist es endlicher Natur.
Der Text ist unendlicher Natur. Er geht über das schriftlich Fixierte hinaus, ihm wohnen gleichzeitig auch Entstehungs- und Wirkungsgeschichte, Deutungen und Interpretationen hinsichtlich Aussage, Symbolismus und Ästhetik inne. Er bietet also eine Vielzahl intertextueller Bezüge. Das Ergebnis seiner Betrachtung ist wandelbar und letztlich auch abhängig von der Herangehensweise. Seinem Wesen nach ist er einzigartig... auch derselbe Autor könnte ihn nicht genauso ein zweites Mal produzieren.

Sehr interessant (und für mich als Linguistin sehr hilfreich) finde ich die Heranziehung der Begriffe Signifikat und Signifikant - es verdeutlicht sehr gut den Gegensatz von materiell und immateriell.

Was ich noch nicht begriffen habe, ist, was Barthes unter Strukturalismus versteht. Wenn ich es richtig verstanden habe, greift er den Strukturalismus (der unter Linguisten ab einem Zeitpunkt X mal verpönt war, weswegen sie Chomsky zu ihrem neuen Papst wählten - wobei der sich m.E. in sehr ähnlichen Strukturen bewegte nur so manchem Kind einen neuen Namen gab) wohl wieder auf, jedoch nicht mit demselben Verständnis. Aber wo jetzt da der Unterschied liegt... das hat sich mir noch nicht erschlossen...
ich lebe in meiner eigenen Welt -
das ist in Ordnung... man kennt mich dort.

25

Dienstag, 31. August 2010, 12:29

Ich entschuldige mich jetzt schon dafür, dass meine Antwort so lang ausfällt… Überdies habe ich mich bemüht, meine Interpretation der folgenden Textpassage möglichst einfach darzustellen – gelingt natürlich nicht immer – zumal das Begriffsinventar in gewisser Weise auch einfach vom Text vorgegeben ist.

Zur historischen/theoretischen Einordnung

Barthes ist hier - zumindest meiner Meinung nach - tendenziell (!) als Poststrukturalist zu verstehen. Dieser Punkt ist aber hinsichtlich einer Barthes‘schen Definition des Poststrukturalismus in „Vom Werk zum Text“ absolut zu vernachlässigen – er nimmt keine vor (seine lockere Verwendung der Begrifflichkeit Strukturalismus ist diesem Fakt geschuldet). Ganz allgemein könnte man sagen, dass der Text poststrukturalistisch ist, weil der Begriff »Text« als dynamische(!) Struktur beschrieben wird – er hebt also die Bewegung (!) der textuellen Strukturen hervor. Strukturalisten hingen beschreiben eher statische, unbewegte Strukturen. Diesbezüglich verabschiedet sich Barthes auch von der Idee starrer Sinnhaftigkeit. – Ist natürlich sehr plakativ und es bliebe zu diskutieren, ob Strukturalisten wirklich so einfach abgeschrieben werden können. Aber tendenziell – vor allen Dingen im Selbstverständnis des Poststrukturalismus – ist es schon richtig, dass die Dynamik untersuchter Strukturen im Poststrukturalismus eine wichtige Rolle spielt. Ebenso will man dort nichts mehr von dem ‚einen Sinn‘ einer Struktur wissen.
(Mit Chomsky kannst du mich übrigens jagen :( :) . Gott sei Dank, dass er eher für die Grammatiker eine Rolle spielt und für mich - mit literaturtheoretischem Interesse – zu vernachlässigen ist…)


Zum Zeichmodell nach Saussure

Vielleicht sollten wir nochmals klären, von welchen Dingen Barthes redet, wenn er die Begriffe Signifikat (das Bezeichnete) und Signifikant (das Bezeichnende) gebraucht – ist bestimmt nicht jedem geläufig. – Barthes bezieht sich auf die Semiotik/Semiologie (Zeichenlehre) Ferdinand de Saussures: »Sprache«, schreibt dieser im »cours de linguistique générale«, »ist Sprechen in Zeichen«. Ein sprachliches Zeichen besteht aus drei Größen: 1. Signifikat (Idee, Vorstellung), 2. Signifikant (Bezeichnung, lautliche Äußerung), 3. Arbitrarität (Beliebigkeit, Konvention).

Ein Zeichen – und damit Sprache – funktioniert laut Saussure folgendermaßen: wir haben zunächst eine Vorstellung, eine Idee (Signifikat) im Kopf. Diese Vorstellung wird zur Äußerung (Signifikant), also ausgesprochen, aufgeschrieben oder wie auch immer sprachlich realisiert. Das Band, welches Signifikat und Signifikant verbindet, ist die Konvention (Arbitrarität): der Baum heißt Baum, weil wir uns darauf geeinigt haben – es könnte auch eine Konvention geben, die den Baum als Hullufu bezeichnet – wir würden alle wissen, was damit gemeint ist, wenn dies das konventionelle Zeichen für Baum wäre.

Nun gibt es aber ein grundsätzliches (man könnte sagen sprachskeptisches) Problem: Zwar können wir uns mittels solcher Zeichen verständigen, jedoch bleibt immer ein kleiner Rest, der sozusagen das durch Sprache nicht zu vermittelnde (im täglichen Sprachgebrauch nicht immer bewusste) Geheimnis eines Individuums ist. Woran liegt das? Ganz einfach: mein Referenzbaum ist ein anderer als deiner. Wenn ich Baum sage, hat er vielleicht viele Äste und ist eher rund, deiner vielleicht eher eckig und hat weniger Äste – unsere Vorstellungen sind verschieden.

Man kann dieses Zeichenmodell in vielerlei Hinsicht kritisieren (wurde es auch von späteren Semiotikern zahlreich), indem man zum Beispiel in der Eigenlogik des Modells anmerkt, dass bereits dem Signifikat ein Signifikant innewohnen müsste: sobald ich eine Vorstellung von etwas habe, ist es Sprache und somit konventionell – eine Trennung von Signifikat und Signifikant, die impliziert, dass es vor dem Signifikant etwas gibt, erscheint somit nicht gerechtfertigt oder zumindest nur vor Hintergrund eines theoretischen Operationalisierens: es gibt keine präsprachliches Denken! (Wie dieses Problem letztlich zu lösen ist, könnte man in einem eigenen, breit angelegten Thread diskutieren; Chapa, du und ich taten das früher mal – erinnerst du dich?). Außerdem können zum Beispiel auf Mimesis (Nachahmung) ausgerichtet Onomapoetika (z.B. Ticktack – Nachahmung des Geräuschs einer Uhr), die weitestgehend frei von Konventionen (lediglich das Schriftsystem, mittels welchem sie fixiert werden, ist konventionell) funktionieren, mit diesem Modell nicht ausreichend erklärt werden. Saussure selbst würde dem letzten Punkt entgegenhalten, dass Onomapoetika niemals vollständige Nachahmungen sein können, sondern immer nur Annäherungen, in die deshalb bereits Konventionen einfließen – ich finde das problematisch; wer mal einen Vogelstimmenimitator gehört hat, der weiß, was ich meine :) , denn die von Saussure behaupteten Konventionen sind für mich nicht mehr erkennbar – ich höre nicht heraus, ob es sich um einen Menschen oder ein Tier handelt. Allerdings merkt Saussure auch an, dass die Onomatopoetika ohnehin eine sprachliche Randerscheinung sind, die vernachlässigt werden kann. Das stimmt, wenn man nicht gerade die Absicht verfolgt, genau dieses Randphänomen semiotisch zu untersuchen. Das ist gar nicht so abwegig, zum Beispiel im Rahmen von Analysen dadaistischer Lautmalereien.

Nichtsdestotrotz, das vorgestellte Zeichenmodell kommt einfach daher, weist sicherlich die einen oder anderen Mängel auf, ist aber interdisziplinär unwahrscheinlich einflussreich, weil es sich als theoretischer Ausgangspunkt ganz hervorragend zur Analyse komplexer Phänomene eignet, wobei die kleineren (theoretischen, sprachphilosophischen) Modellfehler zu vernachlässigen sind.

Deshalb war es mir wichtig, diesen Punkt kurz zu erläutern, weil er uns, sofern wir uns weiterhin mit dem Phänomen Text beschäftigen, noch oft begegnen wird.


Zum Satz »Zeichen«
(3. Satz, Seite 42-43)

Somit, Chapa, ist es natürlich richtig, wenn du schreibst: »die Heranziehung der Begriffe Signifikat und Signifikant […] verdeutlicht sehr gut den Gegensatz von materiell und immateriell.« - Diese, von dir festgestellten Punkte, sind bei Barthes noch etwas weitreichender – drei Aspekte möchte ich hinsichtlich des Satzes »Zeichen« kurz betrachten: 1. Werk vs. Text – das Zeichenmodell auf den Kopf gestellt; 2. Metonymischer Text; 3. Der Text als dezentrale, dynamische Struktur.


1. Werk vs. Text – das Zeichenmodell auf den Kopf gestellt

Barthes schreibt: » Das Werk schließt sich über einem Signifikat.« - Hier wird deutlich, dass es gerade die Materialität (das sinnlich wahrnehmbare Buch) ist, die etwas Abstraktes, eine Vorstellung beinhaltet. An dieser Stelle ist Vorsicht geboten – wir erfahren nicht, ob Barthes es richtig findet, dass dem Werk eine Vorstellung (Signifikat) innewohnt. Vielmehr analysiert er das Werk in seinem allgemeinen Gebrauch, im Zuge dessen dem »Signifikat zwei Bedeutungsweisen«, wie er schreibt, zugewiesen werden können: »entweder gilt es als offensichtlich, dann ist das Werk Gegenstand der Wissenschaft, nämlich der Philologie; oder dieses Signifikat gilt als verborgen, gilt als letztes Signifikat, das gesucht werden muß, dann fällt das Werk unter eine Hermeneutik«, also eine wie auch immer geartete Interpretation. - Interessant ist hier die Differenz zwischen »offensichtlich« und »verborgen«: Einem Werk – so lautet die allgemeine Annahme - liegt eine Idee (Signifikat) zugrunde, die als anerkannt gilt oder gesucht werden muss – jedenfalls unterstellt wird. Deshalb stellt Barthes fest: »[…] im grunde funktioniert das Werk selbst wie ein allgemeines Zeichen, und es ist normal, daß es eine institutionelle Kategorie in der Zivilisation des ‚Zeichens‘ bildet.« - Das Werk offenbart sich also im herkömmlichen Wechselspiel zwischen den Größen: Signifikat, Arbitrarität und Signifikant (siehe oben) – der Begriff Werk ist eine feste zivilisatorische Kategorie, der eine konventionelle Sinnhaftigkeit innewohnt beziehungsweise unterstellt wird.

Mit dem Text – man beachte das Pathos, mit dem Barthes seinen ‚Kampfbegriff‘ (wider des Werkes) mittels Personifikationen proklamiert - soll sich alles ändern; Barthes schreibt: »Der Text hingegen praktiziert das endlose Zurückweichen des Signifikats, der ‚Text’ schiebt hinaus; sein Feld ist das des Signifikanten; der Signifikant darf nicht als erster Teil der Bedeutung aufgefasst werden, sondern, ganz im Gegenteil, als seine Nachträglichkeit […].« - Haha :D , da bemühe ich mich oben, das Saussures’sche Zeichenmodell zu erläutern und Barthes stellt mal eben alles auf den Kopf – machen wir also einen begrifflichen Handstand (immerhin wird jetzt deutlich werden, warum ich behauptete, Saussures einfaches Modell eignet sich - trotz aller Schwächen - hervorragend zur Darstellung sprachlicher Phänomene, weil gerade dessen Schlichtheit dazu geeignet ist, damit zu jonglieren, Gedankenakrobatik zu betreiben): Im Zeichenmodell nach Saussure ist es ja so, dass wir zuerst, zum Beispiel wenn jemand spricht oder wenn wir lesen, den Signifikant (die lautliche Äußerung) wahrnehmen und dann ein Signifikat (die Vorstellung) ableiten. Barthes behauptet aber im vorangegangenem Zitat, dies sei im Falle des Textes anders: der Signifikant sei eine »Nachträglichkeit« und nicht der »erste Teil der Bedeutung«. Die Begriffskonfusion wird noch größer, denn Barthes schreibt ebenso, dass der Text auch dem Signifikat (der Idee/Vorstellung) nicht so richtig zuträglich ist, nämlich ‚fortwährend vor ihm zurückweicht‘. – Na was denn nun: alles auf den Kopf gestellt, nun nichts Halbes und nichts Ganze – was ist denn mit dem Textbegriff los? - Betrachten wir den eingangs vorweggenommenen 2. Punkt: Metonymischer Text, vielleicht bringt er Licht ins Dunkel.


2. Metonymischer Text

Barthes veranschlagt: »[…] die Logik, die dem ‚Text‘ vorsteht, ist keine begreifende ([im Sinne von] definieren, was das Werk meint), sondern eine metonymische; die Arbeit der Assoziation, der Kontiguitäten und der Übertragungen […].« - Ein Menge Begriffe: 1. nun erschließt sich, was Barthes meint, wenn er hinsichtlich des Textes vom »endlosen Zurückweichen des Signifikats« spricht: Im Zuge der metonymischen Betrachtung eines Textes, der potenziell unendlichen Assoziation, geht es nicht darum, einen Sinn, ein Signifikat festzuschreiben, sondern primär um das Spiel mit der Sprache; dementsprechend: »[…] desgleichen verweist die Endlosigkeit des Signifikanten nicht auf irgendeine Vorstellung der Unsagbarkeit (des unsagbaren Signifikats), sondern durchaus auf die des Spiels.« – Dieser Punkt wird besonders deutlich, wenn man sich das Metonymiespiel vergegenwärtigt - kennt das hier jemand? – ich will es erklären: Person A sagt einen Begriff, zum Beispiel Wasser – Person B führt nun ebenfalls assoziativ einen Begriff an, der – was bei der Metonymie wichtig ist – in einer zeitlichen, räumlichen oder kausalen Beziehung zum ersten steht, zum Beispiel Badewanne, Person C führt dies fort: Stöpsel, D: Kette, E: Metall, F: Eisen, G: Fabrik, H: Kantine, I: Schweinebraten usw. So ergibt sich also eine assoziative Kette, deren Signifikat (Idee, Vorstellung: Sinn) immer wieder zugunsten der Assoziation, wie Barthes völlig richtig schreibt, ‚zurückweicht‘ – sie ist unendlich und kann unendlich viele Bedeutungen haben: allgemeingültige Festschreibungen eines eventuellen Sinns sind völlig aussichtslos. Es hört sich verrückt an, aber (post-)strukturalistische Textinterpretationen, oder spätere Ansätze, welche in dieser Tradition stehen, kommen gelegentlich durchaus ganz ähnlich daher: da werden dann nicht nur assoziativ mögliche Reime auf Wörter eines literarischen Textes gesucht, um bisher unbekannte Sinnebenen anzureißen, sondern auch Pseudoetymologien entwickelt, die zwar sachlich nicht korrekt sind, aber wiederum auf Interpretationsmöglichkeiten verweisen, die durchaus denkbar erscheinen (wenn wir uns weiterhin mit der Frage, »Was ist ein Text?«, beschäftigen, lesen wir vielleicht auch etwas von Derrida, der solches relativ häufig vollzieht.)

2. bleibt zu klären, warum Barthes behauptet, der Signifikant (die Äußerung) sei etwas, dass der Bedeutung, die, wie wir gesehen haben, nicht statisch ist, nachsteht. Ich denke, man muss diesen Punkt rezeptionsästhetisch erläutern: Ein Text wird aus bereits im Rezipienten angelegter Bedeutung konstituiert – man kann nichts assoziieren, das nicht irgendwie psychisch angelegt ist und somit Bedeutung trägt, also ein Signifikat ist (dementsprechend geht die Psychologie auch davon aus, dass Gedanken durch die Umwelt determiniert sind, wodurch aus Assoziationen bedeutungstragende Rückschlüsse – auf eben diese Determinationen – gezogen werden können, die voraussetzen, dass die Bedeutung vor der Assoziation, d.h. sprachlichen Äußerung, gegeben war). Ebenso verhält es sich mit dem assoziierten Text: er konstituiert sich vor dem individuellen Hintergrund eines jeden Rezipienten anders – die individuelle Bedeutung ist also in gewisser Weise vor dem Lesen des Textes (im Rezipienten) vorhanden – die Bedeutungsartikulation (Signifikant) erfolgt nachträglich. Es verhält sich hier nicht wie bei dem Werkbegriff, der davon ausgeht, dass ein Signifikat der »erste Teil der Bedeutung« ist. Das die Betonung auf dem Rezipienten liegt, verdeutlicht abschließend nochmals nachstehendes Zitat: »Ein Werk, dessen durch und durch symbolisches Wesen konzipiert, perzipiert und rezipiert wird, ist ein Text.« - Der Weg vom »Werk zum Text« wird also über die Konzeption, Perzeption (Wahrnehmung/Vorstellung) und Rezeption geschaffen. Ein Ansatz, der den Rezipienten stark macht: der (individuelle) Text entsteht im Zuge der Rezeption. Dies bedingt und evoziert gleichzeitig die dezentrale Struktur des Textes.


Der Text als dezentrale, dynamische Struktur

Zusammenfassend ist der Text laut Barthes »ein System ohne Ende noch Zentrum«: er ist von Rezipient zu Rezipient, obwohl ein identisches Werk, identische Materialität, das gleiche Buch vorliegt, immer anders, potenziell unendlich und dynamisch. (Der dynamische Aspekt wird noch deutlicher, wenn wir die anderen Sätze besprechen)




Ich möchte mittels einer Frage an euch auf einen Aspekt aufmerksam machen, den man in Barthes Text vielleicht schnell unterschlagen könnte: Kann er auf den Werkbegriff verzichten? (Mit dieser Frage ist auch die Frage nach dem Autor eng verbunden – man könnte also anschließend diskutieren: Kann er hier auf den Autor verzichten?)

Ansonsten: habe ich mich irgendwo unverständlich ausgedrückt- bitte Fragen.


Beste Grüße,

AS


P.s.: Ich möchte außerdem nochmals an die Etymologie des Wortes ‚Text‘ erinnern, welches Textur, Gewebe bedeutet. Vielleicht hilft es, wenn man sich den Barthes’schen Textbegriff - bis zu dieser Stelle, dem Satz "Zeichen" - wie ein assoziatives, metonymisch gebildetes Gewebe vorstellt, dass jeder Rezipient eigenständig webt.
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Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht, Köln, 1994, S. 410.

Dieser Beitrag wurde bereits 8 mal editiert, zuletzt von »AUTOPOETISCHES SYSTEM« (31. August 2010, 21:43)


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26

Dienstag, 31. August 2010, 20:20

Ich kann momentan nur sehr sporadisch lesen, da die Arbeit mich derzeit sehr einspannt. Da kommt aber noch etwas!

27

Donnerstag, 2. September 2010, 02:55

2. Satz - "Gattung"

Ich mache mal einfach langsam weiter…

Wir sollten auf den 2. Satz, nämlich »Gattung«, zurückgreifen, weil er eine unmittelbare Folge beschreibt, die aus dem 3. Satz, »Zeichen«, entsteht. (Warum Barthes eine andere Reihenfolge der Sätze wählte, bleibt mir ein Rätsel – ich muss ja nicht alles verstehen wollen…)

Barthes Grundidee in diesem Satz ist, dass der Text keiner Hierarchie folgt – damit auch keiner Gattungseinteilung. Nach dem letzten Kapitel sollte dieser Punkt relativ evident sein, denn wir haben gesehen, dass für Barthes hinsichtlich des Textes der Saussures’sche Zeichenbegriff auf den Kopf gestellt wird – man könnte also sagen: wenn der Text das im Rezipienten vorgebildete Signifikat ist, so folgt dies nicht einer Gattungslogik, die ein von außen gebildetes und an den Rezipienten herantretendes Signifikant darstellt. Oder noch einfacher: der Text ist das, was der Leser aus ihm macht und nicht die (gattungstheoretische) Schublade, in die ihn kluge Leute stecken.

Mich interessiert jetzt allerdings mehr, wie er dies im Einzelnen begründet und welche grundsätzlichen Konsequenzen sich daraus ergeben. Barthes schreibt folgendes: Der ‚Text‘ versucht, sich sehr genau hinter der Grenze der doxa anzusiedeln […]; das Wort wörtlich nehmend, könnte man sagen, der ‚Text‘ ist paradox. – Der Text siedelt sich also hinter der Meinung (griech. »doxa«) an, ist im wörtlichen Sinne »paradox« (griech. para. = gegen, daneben, hinter), also gegen oder hinter der Meinung. Für Barthes ist dies das große Potenzial des Textes: althergebrachte Meinungen zu übertreten. Dieses meinungsübertretende Potenzial ist ja nichts anderes, als mit Konventionen zu brechen beziehungsweise sie zumindest zu lockern. Nochmals: ‚Konventionen‘ – jetzt müsstet ihr hellhörig werden…

Ich finde nämlich, das ist jetzt ein ganz spannender Punkt, weil er eng mit dem von Barthes auf den Kopf gestellten Zeichenmodell verbunden ist – Rekapitulation: das Band, welches Signifikat und Signifikant verbindet, das erklärte ich ja, ist die Arbitrarität, also die Konvention, die Einigung darauf, dass ein bestimmter Ausdruck eine bestimmte Idee bezeichnet. Wäre es nun auch im Falle des Textes so wie im Falle des Werkes, dass das Rezeptionsverständnis den Weg vom Signifikant über die Arbitrarität zum Signifikat nimmt, wäre die Rezeption auf die konventionelle Grenzen des Werkes angewiesen – oder anders: man könnte ein Buch nur im Rahmen der vorgegebenen Sprache verstehen. Der Text ist aber »paradox«: sein Rezeptionsverständnis beschreitet den Weg von den im Rezipienten angelegten Signifikat (Idee), äußert dieses über Konventionen (schließlich drückt sich auch der Rezipient im Rahmen des Textbegriffes über sprachliche Konventionen aus), wodurch sie zum Signifikant (also der konkreten Bezeichnung) werden. So bezeichnet, ist das Potenzial geschaffen, die Arbitrarität (Konventionalität) der Sprache zu erweitern – allerdings wieder im Rahmen des herkömmlichen Saussures’sche Zeichenmodells: Rezipienten, die so einen Text, der das Verständnis eines Gegenstandes ist, rezipieren, beschreiten nun wieder möglicherweise den herkömmlichen Pfad des sprachlichen Zeichens und nehmen den Rezeptionsweg vom Signifikant (Bezeichnetem) über die jetzt erweiterte Arbitrarität zum Signifikat (Idee). – So wird Fortschritt möglich, indem eine Idee erweitert und anschließend rezipiert sowie zur neuen Konvention wird!

Ich finde das alles großartig :thumbsup: - welch revolutionäres Potenzial, wie Barthes selbst andeutet: »[…] wird die gängige, für unsere demokratischen Gesellschaften konstitutive, machtvoll von den Massenmedien gestützte Meinung nicht durch ihre Grenzen, ihre Ausgrenzungsenergien, ihre Zensur definiert?« - Der Text hält sich nicht an diese »Grenzen«, fegt die »Ausgrenzungsenergien« hinweg.

Ich hoffe, ihr könnt meine Begeisterung etwas nachvollziehen :D . Stellt euch das einfach mal vor: Zur Zeit, als Barthes diesen Text schrieb, war ein Großteil der Wissenschaft (gerade auch der Literaturwissenschaft) unglaublich miefig, elitär und dogmatisch - Leute wie Roland Barthes und andere Intellektuelle im Umkreis der Zeitschrift »Tel quel« wollten dies ändern, traten für ein kreativeres, wilderes Denken (und Schreiben) ein. Welch frecher Affront also, welch hoffnungsvolle Kampfansage, den Hütern der Kultur, den Wächtern der (ausgrenzenden) Demokratie zu erklären: Gebt auf, jetzt kommt der Text und lehrt euch das Fürchten, die Pluralität der Einzelmeinungen, die wahre Demokratie – und das Beste: auch ihr werdet Texte schaffen – ob ihr wollt oder nicht: ihr seid bereits und wart immer ein Teil meiner Proklamationen. – Das ist so dreist, vorwitzig argumentiert und klug: einfach genial. ^^

Genug der Freude - kritische Betrachtungen: Wir müssten demnächst überlegen, ob Barthes letztlich genau zwischen Werk und Text und damit auch unterschiedlichen Abfolgen im Zeichenmodell differenziert oder ob diese Trennung vielleicht nur eine notwendige Operation ist, die der Darstellung geschuldet bleibt. Denn schließlich erfahren wir bisher nichts darüber, wie das funktionieren soll, dass vorgeblich – im Rahmen des Fortschrittes - mal die eine und mal die andere Abfolge im Zeichenmodell greift. Vielleicht liegt ja tatsächlich eine Gleichzeitigkeit vor, die verhindert, dass es ein reines Werk oder einen reinen Text gibt (erschiene mir zumindest sinnvoller). Außerdem kann ja auch nicht der vollständige Weg »Vom Werk zum Text« beschritten werden, denn dann wäre Sprache immer konventionsdurchbrechend und Kommunikation unmöglich. Ebenso sind Konventionen nicht denkbar, wenn Sprache grundsätzlich von innen (Signifikat) nach außen (Signifikant) verläuft. Warum sollte aber für die Sprache im Allgemeinen ein anderes Reglement gelten als für die schriftlich fixierte Sprache im Besonderen?
Letztlich wird es wohl so sein, dass man den Barthes als Programmatik, als Aufforderung lesen muss, vom festgefahrenen Werk abzulassen und sich dem gelösten Text zuzuwenden… Aus vorangegangenen Barthes-Lektüren kenne ich das übrigens, dass er in seiner Terminologie feste Unterscheidungen einführt, die aber letztlich immer nur als Tendenzen zu verstehen sind (warum kann er das eigentlich nicht gleich so schreiben???). In unserem Fall müsste man dann also vom tendenziellen Text- und Werkbegriff ausgehen – eine vollständige Trennung ist nicht möglich. Momentan scheint mir das am schlüssigsten zu sein…wir werden sehen. *Hmm*


Beste Grüße,

AS
»Wir reden aneinander vorbei, wenn wir unsere Differenzen zudecken, statt sie zu formulieren.«
Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht, Köln, 1994, S. 410.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »AUTOPOETISCHES SYSTEM« (2. September 2010, 03:01)


28

Samstag, 4. September 2010, 08:33

Darf ich noch mitmachen?

Hi,
ich war schon gaanz lange nicht mehr hier - vieles hat sich verändert, ich wohne jetzt im Ausland, unterrichte SekI-Schüler (eine Herausforderung!) und es fehlt mir momentan an Austausch mit KollegInnen, der für mich auch geistige Nahrung und Ansporn bedeutet.
Ich würd' sehr gern noch mitmachen bei der Text-Diskussion... allerdings braucht Amazon bis hierher 4 Wochen oder länger - wie komm ich also am schnellsten zum Text? Hat jemand eine Idee?

29

Samstag, 4. September 2010, 13:53

Hi, ja klar, gerne: gib mir doch mal deine Mailadresse per PN´- ich gebe dir dann einen Tipp, wo man den Text (und weitere Texte zum Thema) günstig bekommt. ;)

Das hört sich ja spannend an! Wo wohnst du denn jetzt und wie bist du dazu gekommen?


Beste Grüße,

AS
»Wir reden aneinander vorbei, wenn wir unsere Differenzen zudecken, statt sie zu formulieren.«
Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht, Köln, 1994, S. 410.

30

Samstag, 4. September 2010, 21:18

@ A.S.: "Ich mache mal langsam weiter"... da musste ich lachen. Für deine Texte brauche ich länger als für den Ausgangstext.
Ich sag jetzt also mal zuerst etwas zu Barthes Text (und auch da erst mal den Text als Werk betrachtend) und später dann reagiere ich auf deine Kommentare.
Was mir also auffiel: B. stellt Text und Werk in einen Kontext. Er bemüht sich, sie einander nicht wertend gegenüberzustellen ["Der Versuch, materiell zwischen WErken und TExten zu unterschieden, wäre vergeblich" S. 41f] - allerdings kommt das Werk schlechter weg als der Text. (Er spricht von einer Neuheit, dem Text, der "Anspruch" erhebt, [S. 40f], der Text vermag es [positiv wertendes Verb!], "die alten Einteilungen zu untergraben" [S. 42])
Und er will nicht nur das Wort ändern (so im Sinne von: da sag ich jetzt schnell mal Text statt Werk und wenn wir uns alle darauf einigen, können wir als nächstes auch den baum als hullufu bezeichnen), sondern er will noch was anderes.
Ich vermute jetzt mal, er will ein neues "Leseverhalten" erklären... worin der Unterschied zwischen neuem und altem Leseverhalten besteht, lässt sich evtl. anhand des Unterschiedes zwischen Werk und Text herausfinden.
Worin also sieht er denn die Unterschiede zwischen dem Werk und dem Text?

Ich nehm mal nur Kapitel eins und zwei her und suche:
Bei eins: Daraus ergibt sich zuerst mal für mich garnix. Er sagt: Text kann alles sein. Text bedeutet nicht zwangsläufig modern, bedeutet nicht kanonisch. Erst ab "Der Text ruht in der Sprache" wirds interessant.
Wobei ich nicht verstehe, was er mit "Der Text ruht in der Sprache" eigentlich meint.
Dann kommt die Sache mit dem Diskurs - ich verstehe das so, dass Geschriebenes dann zu einem Text wird, wenn es zumindest einen Leser gibt, der sich mit dem Geschriebenen beschäftigt.... folglich kann ein Text auch nicht enden. Denn habe ich etwas gelesen, das mich beschäftigt, nehme ich es in Gedanken mit, spinne Gedanken weiter, schreibe sozusagen den Text weiter.
Unklar ist bei Kapitel eins der Satz "oder ist vielmehr GERADE DESHALB [Hervorhebung von mir] 'Text', weil er darum weiß"
Schließlich ergibt sich: der Unterschied zwischen Text und Werk ist: Mit dem Text beschäftigt man sich, mit dem Werk nicht.
Das "Werk" bezeichnet also Texte, mit denen sich niemand beschäftigt. Oder?
... ist aber dann komisch, denn eigentlich, so hat er doch vorher geschrieben, kann alles Text sein.

zu Kapitel zwei:
Hier schreibt er, der Text vermöge es, die alten Einteilungen zu untergraben [typisch ;) 70er], es sei typisch für den Text, dass er sich nicht einteilen lasse und dann [hier wird es wieder interessant]: "Der Text versucht, sich sehr genau hinter der Grenze der doxa anzusiedeln" ... Was meint er mit "doxa"? - eine "Meinung"?
Zumindest dann, wenn ich einen Text nie ohne den Leser als solchen bezeichnen kann - und das tut er doch im ersten Kapitel, wenn er von "Diskurs" spricht, dann geht er
a) entweder nur von einer bestimmten Art von Texten aus
b) oder von einer bestimmten Leserschicht
oder c) er nimmt an, dass Texte immer nur im Hinblick auf einen Leser Texte werden können.
Oder anders formuliert: Für mich war als kleines Kind auch Oliver Twist "paradox", also ein Text - jetzt ist er nicht mehr "paradox". War das dann damals ein Text und heute ist es nur noch ein Werk?


So... nachdem die anderen Kapitel ja noch nicht besprochen worden, höre ich hier einmal auf. Ich hoffe, meine Schreibe ist nicht zu verwirrend.
Anmerken möchte ich noch: Super ist Seite 45 - der Text als Spaziergang an einem Wadi... und dann vor allem das Wadi, das er einfügt, "um die Exotik zu belegen" :D
Wunderbar ist auch Kapitel 7.

Sobald ich Zeit habe, versuche ich auch, mehr auf eure Anmerkungen einzugehen.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »lamasohn« (4. September 2010, 21:23)


31

Sonntag, 5. September 2010, 02:53

Hehe, du bist wohl eher der Strebertyp oder hast tatsächlich riesige Langeweile ;) Wie auch immer: sehr schnell gelesen :)

Lasse dich nicht davon täuschen, dass der Barthes sich vermeintlich schnell liest;)

Im Folgenden werde ich nicht großartig aus Barthes' Text zitieren - tat ich oben schon - sondern kurz wenige Punkte, auf die du dich konzentriertest, erläutern.

Du schreibst, dass dir der Satz »Das Werk ruht in der Hand, der Text ruht in der Sprache« partiell nicht ganz klar ist – Erklärung: Das ist nämlich im Prinzip die Metapher, welche den wichtigsten Ausgangspunkt bildlich erfasst: Das Werk ist materiell, es ist das Buch, welches unmittelbar erfahren werden kann, also anfassbar, fühlbar, riechbar, sogar schmeckbar ist (‚Bücher, die man essen kann‘ – übrigens ein Topos, zu dem ein ganzes Seminar gehalten werden könnte). Der Text hingegen vermittelt sich nur über die Sprache und deren Bedingungen – diese stellt Barthes im weiteren Verlauf dar, indem er den Textbegriff vom Werkbegriff abgrenzt. (Hinsichtlich der Sprache ist wohl das Kapitel zum sprachlichen Zeichen das wichtigste – ich stelle es ja oben aus meiner Sicht dar.)

Hm, nee, ich weiß zwar, was du meinst, wenn du schreibst, dass Werk würde Texte bezeichnen, mit denen sich niemand beschäftigt (übrigens würden wir uns in einem späteren Text, den ich zum Thema vorschlagen würde, auch damit auseinandersetzen, wie unwahrscheinlich ein Text ist, also unwahrscheinlich es ist, dass ein bestimmtes Buch überhaupt gelesen wird), finde es aber in der Logik, die Barthes entwickelt, nicht nur ungenau, sondern eigentlich falsch: Ich stellte ja am Ende meiner Ausführungen zum Kapitel »Zeichen« die Frage: Kann Barthes auf den Werkbegriff verzichten? - Nein, kann er nicht, weil er den Werkbegriff an den herkömmlichen Zeichenbegriff bindet, den er hinsichtlich des Textbegriffes jedoch auf den Kopf stellt. Damit der Text wiederum sein volles Potenzial entwickeln kann, benötigt er den herkömmlichen Zeichenbegriff, der ebenfalls der sprachliche Modus des Werkes ist. Hört sich kompliziert an (ist es auch, finde ich) aber oben versuche ich ja, es genau darzustellen, wie das Ganze funktioniert.

Um deine Frage an dieser Stelle abgekürzt zu beantworten: Werke sind Bücher, die mittels des herkömmlichen Zeichenbegriffes und somit nach festen Konventionen (womit es eigentlich sogar besonders oft gelesene, also – im Gegensatz zu deiner Annahme - viel beachtete Bücher sind), die sich am Materiellen einlösen, rezipiert werden. Der Text hingegen schafft neue Konventionen, sprengt die Grenzen, ist im wörtlichen Sinne paradox, das heißt: hinter/neben (para) der (konventionelle) Meinung (doxa, wie du vermutet hast, ist also richtig). Damit sich diese Meinung jedoch behaupten, also ihrerseits wieder zur Konvention werden kann, bedarf es des herkömmlichen Werk- und somit auch Zeichenbegriffes. Es ist somit zu verstehen, dass Werke durchaus gelesene Bücher sind (das Moment des Lesens ist bedeutsam, weil es nur Werke geben kann, wenn der Vorgang des Lesens an ihnen vollzogen wurde; dabei darf man das Lesen nicht auf die Schrift begrenzen: auch das Material des Einbandes, die Struktur des Papiers, die Farbe des Druckes – dies alles wird im Bezug auf das Werk in dem Sinne gelesen, dass es mittels des herkömmliches Zeichenbegriffes erfasst wird). Außerdem darf sich die Differenz zwischen Werk und Text nicht statisch vorstgellt werden: die Grenzen sind fließend, die beiden Begriffe tendenziell – eine notwendige Operation, die der Darstellung geschuldet bleibt.

Dein Punkt c) ist völlig korrekt (a und b nicht – alles kann Text sein und jeder kann Texte produzieren!): Texte können eben nur im Hinblick auf den (einzelnen!) Leser Texte werden! Hier hast du, wenn ich das mal so schulmeisterlich sagen darf, den Unterschied erfasst - nochmals: Werke funktionieren nach dem herkömmlichen Zeichenbegriff: sie werden in gewisser Weise aufgrund bestehender Konventionen, die den Werken entnommen werden, zu Werken. Texte hingegen stellen den Zeichenbegriff auf den Kopf: sie werden zu Texten, weil ihnen Konventionen nicht entnommen werden, sondern das ganze im Rezipienten vorhandene Spektrum der Sprache in sie (assoziativ und metonymisch) hineingelegt wird. Verstehst du also den Unterschied? Beim ersten Begriff entnehme ich dem Buch etwas, beim zweiten lege ich etwas in es hinein, das keiner (öffentlich) begrenzten Konvention folgt, sondern innerhalb der (individuellen) Sprache frei, potenziell unendlich ist.
(Um jetzt nicht zu sehr zu verwirren - nur am Rande: auch die individuelle Sprache ist nach Barthes an Konventionen gebunden – wie zum Beispiel das von mir oben erläuterte Metonymiespiel erörtert, weil die Metonymie bestimmten sprachlichen Regeln folgt -, diese sind aber potenziell vielfältiger kombinierbar als das innerhalb der öffentlichen Konventionen der Fall wäre. – Man darf sich den Text also nicht als etwas vorstellen, dass sich von sprachlichen Konventionen gänzlich lösen könnte! Der Text agiert auch innerhalb sprachlicher Grenzen! Nur setzt diese das Individuum - eben mit den Mitteln der ihm, ihm ganz alleine zur Verfügung stehenden Sprache.)

Immanent wichtig, um Barthes zu verstehen, ist also das 3. Kapitel (»Zeichen«): hier werden die sprachlichen Bedingungen, die den Text vom Werk differenzieren, erläutert. Wie ich es verstehe, stellte ich ja bereits in den vorangegangen Postings dar. In diesem Kapitel sollte – meiner Meinung nach - besonderes Augenmerk auf die Umkehrung des Zeichenbegriffes gelegt werden: daraus ergeben sich alle weiteren und vorangegangene Konsequenzen. Diese Operation (über)liest sich schnell, ist aber eigentlich ziemlich komplex und folgenreich.

Kurz zum Diskurs: es gibt keine Diskurse ohne Leser, d.h. ohne Rezipienten – Diskurse sind durch und durch Sprache (das ist wohl der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich Begriffsdefinitionen einigen können)!

Ob du den Twist als Werk oder als Text liest, ist mit Barthes keine Frage des Alters, sondern des Verfahrens. Du hast das ja richtig geschrieben: der Text – wie auch das Werk! – ist eine bestimmte, nämlich die oben erläuterte Art und Weise der Rezeption. Der Text folgt dem Modus des umgekehrten Zeichens – dieses ist paradox, das heißt meinungs- beziehungsweise grenzübertretend.
»Wir reden aneinander vorbei, wenn wir unsere Differenzen zudecken, statt sie zu formulieren.«
Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht, Köln, 1994, S. 410.

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32

Sonntag, 5. September 2010, 07:48

Streber will ja keiner sein - sagen wir also, ich habe Langeweile.

Was mir noch zu B. und deinen Anmerkungen einfällt: Wenn "Das Werk ruht in der Hand" eine Metapher ist, dann sollte man das Werk nicht definieren als den Gegenstand Buch, das x Gramm schwer, x Zentimeter hoch und x Seiten lang ist. Dann ist ein Werk der Begriff für einen Text, mit dem man sprachlich/geistig nicht arbeitet, in den man nichts hineinliest, mit dem man sich also nicht beschäftigt. (Es liegt dann als materieller Gegenstand in der Ecke oder wird zwar gelesen, allerdings eher im Sinne von verschlungen) Man liest das Buch eventuell, allerdings bringt das Buch keine neue Erkenntnis, keine neuen Empfindungen. Schon das Wort "bringen", das ich gerade verwendet habe, zeigt, wenn man von einem Buch als Werk spricht. Beim Werk geht man davon aus, dass es dem Leser etwas bringt. Der Leser bleibt dabei passiv, an einem (geistigen) Ort, unbeweglich.
Beim Text geht man davon aus, dass sich der Leser bewegt, aktiv wird.
... so hab ich jetzt die beiden Begriffe verstanden.

Was bringt mir die Unterscheidung? Bücher können entweder als Werke und Texte gelesen werden, (Beispiel Oliver Twist)... ist das aber immer vom Leser abhängig? Ist der Begriff Text einer, der sich nur am einzelnen Leser und hier wiederum an seinen einzelnen Lesetätigkeiten festmachen lässt?
Gibt es Bücher, die nur als Texte gelesen werden können?
Spontan fällt mir jetzt kein Buch, sondern ein Film ein: "Stalker" von Tarkovskij kann ich nur sehen, wenn ich extrem aktiv beim Sehen bin. Sonst ist der Film nur langweilig.


... die Sache mit dem Text als Feld des Signifikanten heb' ich mir für heute Abend auf.

33

Sonntag, 5. September 2010, 15:30

Naja, das sagte ich ja mehrmals :) : Das Werk wird gelesen, aber nicht über gängige Konventionen hinaus.
Überdies – und das ist ein wesentlicher Punkt! – ist das Werk ein Buch (der Text kann nach Barthes kein Buch sein!), als solches greifbar und an dessen Bedingungen gebunden. Seine Materialität ist somit konventionell rezipierbar – das Stichwort ‚Paratextualität‘ hier der richtige Ausgangspunkt. Machen wir das mal an der Umschlaggestaltung der Reihe »edition suhrkamp« fest: Die Konventionalität liegt u.a. in dem schlichten einfarbigen Design (Signifikant) begründet, welches in jedem Bücherregal sofort erkennbar ist. Die »edition suhrkamp« steht konventionell für akademische Texte (Signifikat) – eine Klassifizierung und vielleicht auch Wertung, die ich der Materialität ablese, ohne den konkreten Inhalt zu kennen. Da eine solche Rezeption der Bewegung im herkömmlichen Zeichenmodell zuzuschreiben ist, fällt sie unter den Werkbegriff. Oder nehmen wir die Gesangsbücher in einer Kirche: sie sind immer einheitlich, liegen immer am gleichen Ort - im höchsten Grade herkömmliche Zeichen, die öffentlichen Konventionen unterworfen sind! Man könnte jetzt fortfahren und zum Beispiel die äußere Gestalt genauer betrachten: zwei Lesebänder, auf dem Buchdeckel keine Schrift in Lettern, sondern ein weiteres konventionelles Zeichen, nämlich ein Kreuz, goldener Buchschnitt etc. – du weißt, worauf ich hinaus will: das alles sind Zeichen, die dem Werkbegriff zuzuschreiben sowie lesbar sind.

Ansonsten finde ich deine Kritik berechtigt. Dementsprechend merkte ich oben schon an, dass wir in Barthes‘ Text nichts darüber erfahren, wann welcher Begriff – Werk oder Text? – greift. Aber so darf man ihn, glaube ich, auch nicht verstehen: zum Einen ist dies einfach ein Gedankenexperiment, dessen Beweisführung nur tendenziell sein kann; zum Anderen schreibt Barthes eine Programmatik - er ruft den Text aus, fordert auf, Werke zu Texten ‚zu machen‘. Somit ist es jedem selbst überlassen, wann er den Werk- und wann den Textbegriff gebraucht. Interessant ist für mich aber, dass in Barthes Logik beide Zeichenabfolgen notwendig sind – er kann weder auf den Werk- noch auf den Textbegriff verzichten.

Was diese Unterscheidung bringt? Ganz einfach: es ist ein eklatanter Unterschied, ob ein Rezipient tendenziell gängigen Konventionen folgt oder seine eigene, individuelle Lektüre betreibt. Man muss sich hier mal die historische Brille aufsetzen, um zu sehen, dass es solche Schriften sind, die maßgeblich mit dazu beigetragen haben, die Wissenschaften und Künste gleichermaßen zu verändern. Es wäre zum Beispiel vor vierzig Jahren undenkbar gewesen, dass sich die Literaturwissenschaft mit Kochbüchern oder liter. Texten an Klotüren beschäftigen kann. Es war eine Revolution, als Handke versuchte, mit der »Publikumsbeschimpfung« die Konventionen des Theaters zu durchbrechen. Und es wäre beispielweise genau jener Versuch, der mit Barthes begrifflicher Unterscheidung zwischen Werk und Text analysiert werden könnte (dabei würde es vermutlich auch daraus hinauslaufen, dass ein Text ohne Werk nicht denkbar erscheint, weshalb Handkes Inszenierung sich gar nicht erfüllen konnte, also das oftmals attestierte Scheitern kein Scheitern, sondern ein Beleg für die Bedingungen der Sprache ist).

Überdies muss aber jeder selbst entscheiden, was ihm Barthes Unterscheidung bringt. Mich interessiert vorrangig sein semiotischer Ansatz, die Idee, von verschiedenen Abfolgen im Zeichenmodell auszugehen.

Hinsichtlich des Textdiskurses ist Barthes ein guter Einstig, weil er Begrifflichkeiten proklamiert, die diskursbestimmend sind, insbesondere die Idee einer dynamischen Struktur, also die Idee von der Bewegung des Textes.


Ich möchte noch etwas nachtragen: dir ist bestimmt der einflussreiche Barthes-Text »Der Tod des Autors« bekannt. Dort ist es nämlich ganz ähnlich: Barthes kann den Autor nicht gänzlich negieren, weil er einerseits – wie der Werkbegriff - ein institutionalisiertes Zeichen ist, das er zwar nicht mögen muss, welches es aber gibt und darum zu beschreiben gilt; andererseits der Autor zumindest als ein Teil der Materialität verstanden werden muss, weil er es ist, der das Material in wesentlichen Teilen evoziert. »Der Tod des Autors« ist also auch dort nur eine Tendenz, der Wunsch sowie die Aufforderung, die Rezeption nicht an ihm auszurichten.

Dieses tendenzielle Schreiben hat man Barthes oft zum Vorwurf gemacht. Ich finde es zwar gewöhnungsbedürftig, im Grunde aber gut, weil es sich nicht so pseudowissenschaftlich festlegt, sondern den Bedingungen der Geisteswissenschaften (eigentlich gilt dies auch für die Naturwissenschaften) Rechnung trägt. Zudem gelingt es Barthes so natürlich auch, dass seine Texte immer aktuell bleiben…
»Wir reden aneinander vorbei, wenn wir unsere Differenzen zudecken, statt sie zu formulieren.«
Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht, Köln, 1994, S. 410.

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34

Sonntag, 5. September 2010, 19:16

Ach... zum Durcharbeiten des Kapitels "Zeichen" komme ich nicht mehr. Zuviel versprochen. Aber kurz auf deine Äußerungen muss ich noch antworten:
  • Edition Suhrkamp - gutes Beispiel für den Werkbegriff; Da wird der Leser schon durch die Umschlaggestaltung in Richtung Werk-Leseverhalten gedrängt.
  • Was meinst du mit "in Barthes Logik sind beide 'Zeichenabfolgen' notwendig"? Einfach, dass beide Begriffe ihre Berechtigung haben? Wenn ja, das sehe ich auch so. Beide Begriffe bezeichnen "Lesearten", die ein Leser anwenden kann.
  • Handke ist interessant - ich liebe die alten Sachen von ihm. Und ihn in diesen Kontext zu stellen, wär interessant. Da musst du aber ein bissl mehr dazu schreiben. Bis auf meine eigene Handke-Rezeption habe ich nämlich (Schande über jemanden aus Ö!) kaum Wissen darüber, wie Handke denn tatsächlich die ersten Male aufgenommen wurde. Wir lernten in der Schule: Handke = Skandal, v.a. die Publikumsbeschimpfungen; Wenn dem so war...könnte man dann nicht sagen, Handke habe mit der Vorstellung des Publikums von einem Werk (Theaterstück) gespielt, diese Vorstellungen des Werkes aber versucht zu durchbrechen, indem er Neues ins Werk einfügte (also das Werk zu einem Text machte.
  • Für mich ist immer noch fraglich: Wer macht das Buch (die Wörter) zum Text: ist das der Leser? Liegt es am Text an sich, ob man ihn (nur) als Text verstehen kann? ist's nicht doch ein bisschen zumindest auch der Autor? und muss man nicht auch die Zeit, in der ein Buch erschienen ist, berücksichtigen? (Beispiel Handke: Damals waren doch die Publikumsbeschimpfungen etwas "paradoxes", auch für mich, als ich sie das erste Mal las, waren sie etwas, mit dem ich mich lange Zeit beschäftigte. Wenn ich dagegen heute - so im Alltag, den Begriff "Publikumsbeschimpfungen" höre, dann ist's für mich nicht mehr als ein Werk)
  • dynamische Struktur eines Textes: das ist ein Begriff, der zu den für mich nicht ganz klaren Begriffen zählt.
  • "Tod des Autors" ist mir nicht bekannt. Überhaupt habe ich mich noch viel zu wenig mit Barthes beschäftigt, finde ich. Auch mir gefällt dieses tendenzielle Schreiben von ihm ganz gut. Es lässt sich dann auch richtig gut Stellung beziehen, wenn man's mal schafft, überhaupt zu verstehen, was er denn meint. Aber es macht ziemlich Spaß, sie da hineinzuvertiefen.
  • Und noch mal (auch wenn ich' s auf andere Weise jetzt doch schon ein paarmal gesagt habe), nur um das Gesagte zu bekräftigen: Der Ansatz, vom Leser abhängig zu machen, ob etwas Werk oder Text ist, scheint mir zu kurz gegriffen. (Beispiel: Für mich ist das Rezept meiner Oma ein Text und die Klokritzelei auch...) Wenn schon, dann sollte man das zumindest auch anlassbezogen definieren: Rezepte und Klokritzeleien sind während des Uniseminars Texte, in manchen philosophischen Phasen dann evtl. auch noch... aber meist sind's nur Werke (Wobei sich die Oma sicher sehr freuen würd', wenn sie noch lesen könnte, dass ich hier ihre Rezepte als Werke bezeichne ;) )

35

Sonntag, 5. September 2010, 20:25

Zur Logik: ja, das meine ich – aber noch viel mehr: der Textbegriff braucht die Zeichenabfolge des Werkbegriffes, wenn er Konventionen nicht nur sprengen, sondern das Ergebnis einer solchen Sprengung, einer solche Grenzüberschreitung etablieren will. Ich erläutere das in den Kommentaren zum Kapitel »Zeichen« und »Gattung«. Aber um es vereinfacht abzukürzen: Eine dauerhafte Grenzüberschreitung, die sich wirklich etabliert hat – nur so kann das gesellschaftliche Potenzial des Textes sich entfalten, nämlich durch dauerhafte Etablierung seiner Ergebnisse – ist natürlich wieder ein Werk. Außerdem wäre Kommunikation im Rahmen des Textbegriffes unmöglich.

Das können wir gerne gemeinsam machen – Vorschlag: wir beenden hier auch die restlichen Kapitel des Barthes-Textes. Anschließend kann in diesem Unterforum ein neuer Text zum Text besprochen werden – sofern dann noch Interesse besteht - und wir sowie alle, die sich uns anschließen möchten, lesen die »Publikumsbeschimpfung« vor dem Hintergrund der Barthes’schen Differenz zwischen Werk und Text. – Mir würde das sehr gefallen, weil es eine Gelegenheit wäre, mal zu zeigen und gemeinsam herauszufinden, dass solche theoretischen Arbeiten nicht nur von theoretischem Interesse sind, sondern hervorragend zur Literaturanalyse taugen… Überdies mag ich einfach auch den Handke sehr…

Ja, das Buch/das Werk macht der Autor sowie alle, die an ihm Arbeiten: Verleger, Setzer, Drucker, Werber, Verkäufer, Wissenschaftler etc. Den Text macht jeder für sich. Und zum Text kann man jeden Gegenstand machen. Um den Unterschied nochmals an dem Cover einer Auflage der »edition suhrkamp« zu verdeutlichen: versteht man es als Werk, würde man alle Aspekte anführen, die ich schon gesagt habe. Aber lasse es und als Text verstehen, dessen Verfahren metonymisch ist; nehmen wir an, das Cover sei grün – ich will dann mal einen Text produzieren:

grün also, wie die hoffnung, so grün, grün, grün blüht der enzian - war er nicht blau? hehe, also blau blüht er, blau, die farbe der frauenbeweung – akademische texte = emanzipierte texte, emanzipation vom althergebrachten denken, grenzüberschreitung, ddr, nein, in der ddr hatten sie keine edition suhrkamp – zu kapitalistisch, der neu mensch sollte keine fragen stellen, kritisch fragen, DAS IST WISSENSCHAT usw.

– Siehst du, was der Text ist? Er ist assoziativ und metonymisch. Legt Bedeutungsebenen frei, die dem Werk verschlossen bleiben. Dabei kann der Text aber durchaus Erkenntnisse hervorbringen, beispielsweise: Wissenschaft ist Kritik. Um diese Erkenntnis aber zu verifizieren und zu etablieren – also auch anderen zugänglich zu machen!- brauche ich den Zeichenbegriff des Werkes.

Oh nein! Das ist ein Irrtum: Wissenschaft produziert Werke und beschäftigt sich mit Werken, denn sie ist im höchsten Grade konventionell (Barthes stellt das im Kapitel Zeichen auch völlig berechtigt fest). Gerade für ihre Vergleich- und Überprüfbarkeit hat die Wissenschaft ja hart gekämpft! – Also: es ist richtig, dass Texte nur die Leser, d.h. die Rezipienten produzieren. Aber du darfst das nicht so engstirnig sehen, denn alle sind Leser: der Autor, der Wissenschaftler, der Verleger usw. Auch sie produzieren unablässig Texte, weil das Denken – wie ich ja mit dem obigen Bewusstseinsstrom andeutete – immer auch assoziativ ist. Allerdings habe sie ein Interesse daran, den Weg vom ‚Text zum Werk‘ und nicht vom »Werk zum Text«, wie Barthes, zu beschreiten, weil sie sich mitteilen wollen, weil sie wollen, dass ihre Arbeit kommuniziert wird. So ist beispielsweise das Verständnis dessen, was an einer Klotür steht, vielleicht tendenziell Text, bis es eventuell im Rahmen eines Seminars oder einer Dissertation zum (systematischen, konventionellen) Werk wird. - Man muss also verstehen, was Barthes macht: er dreht einfach alles auf den Kopf, weil er möchte, dass man beginnt, dem Text den angemessenen Raum im gesellschaftlichem Diskurs einzuräumen - also schneller das Überschreiten der Grenzen zulässt.

Die Antwort auf deine Frage, wer den Text und wer das Werk macht, ist also immer: jeder macht sowieso beides – nur die Gewichtung kann unterschiedlich ausfallen. – Hm, ich weiß, befriedigend ist das nicht, weil es keine hundertprozentig eindeutige Antwort auf deine Frage gibt – aber die kann es auch nicht geben, und es gut, dass Barthes nicht so tut als ob…


Ach ja: Rezepte sind im erläuterten Sinne wirlich eindeutig eher als Werke zu verstehen, weil sie Gebrauchsanweisungen sind, die alle Assoziationenen und metonymischen Verfahren möglichst vermeiden sollten, wenn das Gekochte hinterher gegessen werden soll, ohne sein Leben zu gefährden ;) Deine Oma wird sich also freuen :)
»Wir reden aneinander vorbei, wenn wir unsere Differenzen zudecken, statt sie zu formulieren.«
Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht, Köln, 1994, S. 410.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »AUTOPOETISCHES SYSTEM« (5. September 2010, 20:46)


36

Montag, 6. September 2010, 10:57

Der Text !

Den Text gibt es nicht. Das immer neue am Text sowohl im Herangehen, Inhalt, und Schluss usw. machen seinen Reiz aus. Gerade verrückte Texte sind reizvoll und ermuntern zu lesen. Ein Text sollte such provozieren. Deshalb müssen auch Fachtexte nicht langweilig sein. Humor ist ein Hauptbestandteil de s Textes. Auch tragische Momente sollten mit Witz und Humor näher gebracht werden. Der Text ist immer für den Lesenden eine Hilfestellung, auch wenn man es nicht wahrhaben will ! in diesem Sinne... gut texten, schreiben und mitteilen. *hi*

37

Montag, 6. September 2010, 12:57

Oh ja, Barthes, den wir hier gerade lesen, würde dir da zustimmen: ‚Den einen Text gibt es nicht.‘ Und auch gegen Provokation hätte er nichts einzuwenden. Vielleicht hast du ja auch Interesse daran, den Barthes-Text zu lesen und mit uns zu diskutieren ;)
»Wir reden aneinander vorbei, wenn wir unsere Differenzen zudecken, statt sie zu formulieren.«
Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht, Köln, 1994, S. 410.

38

Mittwoch, 8. September 2010, 13:05

Hi A.S. und andere MitleserInnen,

Interessant fand ich einen deiner letzten Sätze, wo du schreibst, B. wolle, dass man dem Text Raum im gesellschaftlichen Diskurs gibt.... und zwar deshalb, weil ich mich immer mehr frage, weshalb B. denn von dem Text ausgeht, wenn er doch eigentlich Leseverhalten meint. Verstehst du, was ich meine? Er spricht von zwei Arten, sich mit Schriftlichem auseinanderzusetzen. Ich denke immer noch und immer mehr: Ob ich etwas Schriftliches als Text oder als Werk betrachte, hängt in erster Linie von mir als Leser ab. (Ich kann sogar deine Gedanken zum "Grün" ganz gut als Werk einstufen ;) )
Warum geht also Barthes bei diesen zwei Arten der Auseinandersetzung von zwei Begriffen aus, die keine Tätigkeit sondern sozusagen etwas Gegenständliches beschreiben? So legt er einem die Ansicht nahe, dass man auch einen Unterschied am Gegenstand erkennen könnte.
Kann man das? Ich denke, nein. Jeder Text lässt sich bei genug gesellschaftlicher Etablierung auch als Werk lesen (Handke), jedes Werk bei intensiver Beschäftigung damit auch als Text.

39

Mittwoch, 8. September 2010, 13:47

Hi, lamasohn.

Ja, es geht Barthes um zwei Arten der Rezeption.

Somit es nur im Falle des Werkes richtig, von einem „Gegenstand“, wie du schreibst, zu sprechen, denn in ihm ist die Rezeption in gewisser Weise vorgeprägt. Der Text hingegen ist nach Barthes kein Gegenstand.

Diese Differenz ist darauf zurückzuführen, dass der Text zuerst eine Idee ist. Das Werk aber ist zuerst eine Bezeichnung, in der die Idee bereits enthalten ist. - Das ist die das umgedrehte Zeichenmodell.

Du hast da also zwei wesentliche Fehler drin, wenn du dich in der Logik Barthes bewegen willst: 1. Der Text ist kein Gegenstand (das ist ein ganz wichtiger Punkt, den er mehrmals ausführt)! 2. Du kannst niemals andere Texte, also den Text, den andere Leute produzieren, erkennen, sondern in letzter Konsequenz nur deinen eigenen!

Vielleicht hat dich mein Beispiel auch verwirrt, im Rahmen dessen ich vorgebe, einen Text zu produzieren. Aber auch dies kann natürlich nur eine Tendenz sein, die kennzeichnet, wie für mich, für mich ganz persönlich in einem bestimmten Moment ein Text tendenziell aussieht. Aber in letzter Konsequenz ist und bleibt der Text radikal seine Rezeption, wodurch es möglich ist, dass du meinen vermeintlichen Text als Werk liest. Mache dich also frei davon, ganz konkret aufzeigen zu wollen, wann und wo ein Text vorliegt - genau das geht nämlich mit Barthes nicht!

Wir können also mit Barthes gar nicht über den persönlichen Einzelfall hinaus bestimmen, was der Text ist – wir können nur seine Mechanismen, seine Funktionsweisen, seine Verfahren beschreiben. – Aber genau um diese Verfahren geht es Barthes, weil sie eine damals neue oder zumindest ungewöhnliche Art des Lesens kennzeichnen.

Ja, das ist völlig richtig, und das sagt Barthes auch: „Jeder Text lässt sich bei genug gesellschaftlicher Etablierung auch als Werk lesen (Handke), jedes Werk bei intensiver Beschäftigung damit auch als Text.“ – So, wie ich versuchte zu erklären, ist ja auch nur das gesellschaftsverändernde Potenzial des Textes zu realisieren: Etwas, das dies zuvor nicht war, wird zur allgemeinen Konvention, wodurch eine Veränderung eintritt.

Es ist also in der Summe müßig, an einem Gegenstand konkret und allgemein gültig kennzeichnen zu wollen, was der Text ist.
Dennoch könnten wir uns über Handkes „Publikumsbeschimpfung“ (die ja auch ein Gegenstand ist) unterhalten, und benennen, welche Mechanismen und Funktionsweisen, die dort dargestellt werden, dem Text und seinen Verfahren zuzuschreiben sind. Das wir diese aber erfassen und beschreiben können, liegt daran, dass wir die "Publikumsbeschreibung" als Werk lesen. Oder anders: Wir können ja auch Barthes Werk lesen und trotzdem erkennen, wie er dort über den Text spricht, allerdings ohne uns einen solchen zu präsentieren.

Ich weiß, dass das verwirrend klingt. Aber man muss sich immer wieder disziplinieren, wenn man darüber nachdenkt, und daran erinnern: der Text ist kein Gegenstand! Der Text kann somit nicht konkret erfasst werden. Er ist „einmalig“, wie Barthes schreibt. Der Text ist radikal seine Rezeption, das Nachdenken über einen Gegenstand, welches mit all seinen Konnotationen nicht wiederhol- und fixierbar ist. Dass wir dennoch über ihn nachdenken und ihn beschreiben können, liegt an der Erfahrung, die man im Zuge der eigenen Rezeption macht und von der man einfach annimmt, dass andere sie auch machen.

Wie gesagt, versuche mal, dass mit dem Zeichenmodell auf die Reihe zu kriegen – dann hast du eine Logik, die du immer bemühen kannst, wenn Verwirrung droht: beim Text ist zuerst ein Signifikat (Idee); beim Werk zuerst ein Signifikant (Bezeichnung). In den Text lege ich etwas von mir (und zwar von mir ganz persönlich und absolut einmalig) hinein, aus dem Werk entnehme ich etwas.

Ich würde vorschlagen, wir widmen uns einfach mal dem vierten Satz ("Plural"), um vielleicht noch etwas Klarheit zu bekommen.
»Wir reden aneinander vorbei, wenn wir unsere Differenzen zudecken, statt sie zu formulieren.«
Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht, Köln, 1994, S. 410.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »AUTOPOETISCHES SYSTEM« (8. September 2010, 13:55)