Ich entschuldige mich jetzt schon dafür, dass meine Antwort so lang ausfällt… Überdies habe ich mich bemüht, meine Interpretation der folgenden Textpassage möglichst einfach darzustellen – gelingt natürlich nicht immer – zumal das Begriffsinventar in gewisser Weise auch einfach vom Text vorgegeben ist.
Zur historischen/theoretischen Einordnung
Barthes ist hier - zumindest meiner Meinung nach - tendenziell (!) als Poststrukturalist zu verstehen. Dieser Punkt ist aber hinsichtlich einer Barthes‘schen Definition des Poststrukturalismus in „Vom Werk zum Text“ absolut zu vernachlässigen – er nimmt keine vor (seine lockere Verwendung der Begrifflichkeit Strukturalismus ist diesem Fakt geschuldet). Ganz allgemein könnte man sagen, dass der Text poststrukturalistisch ist, weil der Begriff »Text« als dynamische(!) Struktur beschrieben wird – er hebt also die Bewegung (!) der textuellen Strukturen hervor. Strukturalisten hingen beschreiben eher statische, unbewegte Strukturen. Diesbezüglich verabschiedet sich Barthes auch von der Idee starrer Sinnhaftigkeit. – Ist natürlich sehr plakativ und es bliebe zu diskutieren, ob Strukturalisten wirklich so einfach abgeschrieben werden können. Aber tendenziell – vor allen Dingen im Selbstverständnis des Poststrukturalismus – ist es schon richtig, dass die Dynamik untersuchter Strukturen im Poststrukturalismus eine wichtige Rolle spielt. Ebenso will man dort nichts mehr von dem ‚einen Sinn‘ einer Struktur wissen.
(Mit Chomsky kannst du mich übrigens jagen

. Gott sei Dank, dass er eher für die Grammatiker eine Rolle spielt und für mich - mit literaturtheoretischem Interesse – zu vernachlässigen ist…)
Zum Zeichmodell nach Saussure
Vielleicht sollten wir nochmals klären, von welchen Dingen Barthes redet, wenn er die Begriffe Signifikat (das Bezeichnete) und Signifikant (das Bezeichnende) gebraucht – ist bestimmt nicht jedem geläufig. – Barthes bezieht sich auf die Semiotik/Semiologie (Zeichenlehre) Ferdinand de Saussures: »Sprache«, schreibt dieser im »cours de linguistique générale«, »ist Sprechen in Zeichen«. Ein sprachliches Zeichen besteht aus drei Größen: 1. Signifikat (Idee, Vorstellung), 2. Signifikant (Bezeichnung, lautliche Äußerung), 3. Arbitrarität (Beliebigkeit, Konvention).
Ein Zeichen – und damit Sprache – funktioniert laut Saussure folgendermaßen: wir haben zunächst eine Vorstellung, eine Idee (Signifikat) im Kopf. Diese Vorstellung wird zur Äußerung (Signifikant), also ausgesprochen, aufgeschrieben oder wie auch immer sprachlich realisiert. Das Band, welches Signifikat und Signifikant verbindet, ist die Konvention (Arbitrarität): der Baum heißt Baum, weil wir uns darauf geeinigt haben – es könnte auch eine Konvention geben, die den Baum als Hullufu bezeichnet – wir würden alle wissen, was damit gemeint ist, wenn dies das konventionelle Zeichen für Baum wäre.
Nun gibt es aber ein grundsätzliches (man könnte sagen sprachskeptisches) Problem: Zwar können wir uns mittels solcher Zeichen verständigen, jedoch bleibt immer ein kleiner Rest, der sozusagen das durch Sprache nicht zu vermittelnde (im täglichen Sprachgebrauch nicht immer bewusste) Geheimnis eines Individuums ist. Woran liegt das? Ganz einfach: mein Referenzbaum ist ein anderer als deiner. Wenn ich Baum sage, hat er vielleicht viele Äste und ist eher rund, deiner vielleicht eher eckig und hat weniger Äste – unsere Vorstellungen sind verschieden.
Man kann dieses Zeichenmodell in vielerlei Hinsicht kritisieren (wurde es auch von späteren Semiotikern zahlreich), indem man zum Beispiel in der Eigenlogik des Modells anmerkt, dass bereits dem Signifikat ein Signifikant innewohnen müsste: sobald ich eine Vorstellung von etwas habe, ist es Sprache und somit konventionell – eine Trennung von Signifikat und Signifikant, die impliziert, dass es vor dem Signifikant etwas gibt, erscheint somit nicht gerechtfertigt oder zumindest nur vor Hintergrund eines theoretischen Operationalisierens: es gibt keine präsprachliches Denken! (Wie dieses Problem letztlich zu lösen ist, könnte man in einem eigenen, breit angelegten Thread diskutieren; Chapa, du und ich taten das früher mal – erinnerst du dich?). Außerdem können zum Beispiel auf Mimesis (Nachahmung) ausgerichtet Onomapoetika (z.B. Ticktack – Nachahmung des Geräuschs einer Uhr), die weitestgehend frei von Konventionen (lediglich das Schriftsystem, mittels welchem sie fixiert werden, ist konventionell) funktionieren, mit diesem Modell nicht ausreichend erklärt werden. Saussure selbst würde dem letzten Punkt entgegenhalten, dass Onomapoetika niemals vollständige Nachahmungen sein können, sondern immer nur Annäherungen, in die deshalb bereits Konventionen einfließen – ich finde das problematisch; wer mal einen Vogelstimmenimitator gehört hat, der weiß, was ich meine

, denn die von Saussure behaupteten Konventionen sind für mich nicht mehr erkennbar – ich höre nicht heraus, ob es sich um einen Menschen oder ein Tier handelt. Allerdings merkt Saussure auch an, dass die
Onomatopoetika ohnehin eine sprachliche Randerscheinung sind, die vernachlässigt werden kann. Das stimmt, wenn man nicht gerade die Absicht verfolgt, genau dieses Randphänomen semiotisch zu untersuchen. Das ist gar nicht so abwegig, zum Beispiel im Rahmen von Analysen dadaistischer Lautmalereien.
Nichtsdestotrotz, das vorgestellte Zeichenmodell kommt einfach daher, weist sicherlich die einen oder anderen Mängel auf, ist aber interdisziplinär unwahrscheinlich einflussreich, weil es sich als theoretischer Ausgangspunkt ganz hervorragend zur Analyse komplexer Phänomene eignet, wobei die kleineren (theoretischen, sprachphilosophischen) Modellfehler zu vernachlässigen sind.
Deshalb war es mir wichtig, diesen Punkt kurz zu erläutern, weil er uns, sofern wir uns weiterhin mit dem Phänomen Text beschäftigen, noch oft begegnen wird.
Zum Satz »Zeichen« (3. Satz, Seite 42-43)
Somit, Chapa, ist es natürlich richtig, wenn du schreibst: »die Heranziehung der Begriffe Signifikat und Signifikant […] verdeutlicht sehr gut den Gegensatz von materiell und immateriell.« - Diese, von dir festgestellten Punkte, sind bei Barthes noch etwas weitreichender – drei Aspekte möchte ich hinsichtlich des Satzes »Zeichen« kurz betrachten: 1. Werk vs. Text – das Zeichenmodell auf den Kopf gestellt; 2. Metonymischer Text; 3. Der Text als dezentrale, dynamische Struktur.
1. Werk vs. Text – das Zeichenmodell auf den Kopf gestellt
Barthes schreibt: » Das Werk schließt sich über einem Signifikat.« - Hier wird deutlich, dass es gerade die Materialität (das sinnlich wahrnehmbare Buch) ist, die etwas Abstraktes, eine Vorstellung beinhaltet. An dieser Stelle ist Vorsicht geboten – wir erfahren nicht, ob Barthes es richtig findet, dass dem Werk eine Vorstellung (Signifikat) innewohnt. Vielmehr analysiert er das Werk in seinem allgemeinen Gebrauch, im Zuge dessen dem »Signifikat zwei Bedeutungsweisen«, wie er schreibt, zugewiesen werden können: »entweder gilt es als offensichtlich, dann ist das Werk Gegenstand der Wissenschaft, nämlich der Philologie; oder dieses Signifikat gilt als verborgen, gilt als letztes Signifikat, das gesucht werden muß, dann fällt das Werk unter eine Hermeneutik«, also eine wie auch immer geartete Interpretation. - Interessant ist hier die Differenz zwischen »offensichtlich« und »verborgen«: Einem Werk – so lautet die allgemeine Annahme - liegt eine Idee (Signifikat) zugrunde, die als anerkannt gilt oder gesucht werden muss – jedenfalls unterstellt wird. Deshalb stellt Barthes fest: »[…] im grunde funktioniert das Werk selbst wie ein allgemeines Zeichen, und es ist normal, daß es eine institutionelle Kategorie in der Zivilisation des ‚Zeichens‘ bildet.« - Das Werk offenbart sich also im herkömmlichen Wechselspiel zwischen den Größen: Signifikat, Arbitrarität und Signifikant (siehe oben) – der Begriff Werk ist eine feste zivilisatorische Kategorie, der eine konventionelle Sinnhaftigkeit innewohnt beziehungsweise unterstellt wird.
Mit dem Text – man beachte das Pathos, mit dem Barthes seinen ‚Kampfbegriff‘ (wider des Werkes) mittels Personifikationen proklamiert - soll sich alles ändern; Barthes schreibt: »Der Text hingegen praktiziert das endlose Zurückweichen des Signifikats, der ‚Text’ schiebt hinaus; sein Feld ist das des Signifikanten; der Signifikant darf nicht als erster Teil der Bedeutung aufgefasst werden, sondern, ganz im Gegenteil, als seine Nachträglichkeit […].« - Haha

, da bemühe ich mich oben, das Saussures’sche Zeichenmodell zu erläutern und Barthes stellt mal eben alles auf den Kopf – machen wir also einen begrifflichen Handstand (immerhin wird jetzt deutlich werden, warum ich behauptete, Saussures einfaches Modell eignet sich - trotz aller Schwächen - hervorragend zur Darstellung sprachlicher Phänomene, weil gerade dessen Schlichtheit dazu geeignet ist, damit zu jonglieren, Gedankenakrobatik zu betreiben): Im Zeichenmodell nach Saussure ist es ja so, dass wir zuerst, zum Beispiel wenn jemand spricht oder wenn wir lesen, den Signifikant (die lautliche Äußerung) wahrnehmen und dann ein Signifikat (die Vorstellung) ableiten. Barthes behauptet aber im vorangegangenem Zitat, dies sei im Falle des Textes anders: der Signifikant sei eine »Nachträglichkeit« und nicht der »erste Teil der Bedeutung«. Die Begriffskonfusion wird noch größer, denn Barthes schreibt ebenso, dass der Text auch dem Signifikat (der Idee/Vorstellung) nicht so richtig zuträglich ist, nämlich ‚fortwährend vor ihm zurückweicht‘. – Na was denn nun: alles auf den Kopf gestellt, nun nichts Halbes und nichts Ganze – was ist denn mit dem Textbegriff los? - Betrachten wir den eingangs vorweggenommenen 2. Punkt: Metonymischer Text, vielleicht bringt er Licht ins Dunkel.
2. Metonymischer Text
Barthes veranschlagt: »[…] die Logik, die dem ‚Text‘ vorsteht, ist keine begreifende ([im Sinne von] definieren, was das Werk meint), sondern eine metonymische; die Arbeit der Assoziation, der Kontiguitäten und der Übertragungen […].« - Ein Menge Begriffe: 1. nun erschließt sich, was Barthes meint, wenn er hinsichtlich des Textes vom »endlosen Zurückweichen des Signifikats« spricht: Im Zuge der metonymischen Betrachtung eines Textes, der potenziell unendlichen Assoziation, geht es nicht darum, einen Sinn, ein Signifikat festzuschreiben, sondern primär um das Spiel mit der Sprache; dementsprechend: »[…] desgleichen verweist die Endlosigkeit des Signifikanten nicht auf irgendeine Vorstellung der Unsagbarkeit (des unsagbaren Signifikats), sondern durchaus auf die des Spiels.« – Dieser Punkt wird besonders deutlich, wenn man sich das Metonymiespiel vergegenwärtigt - kennt das hier jemand? – ich will es erklären: Person A sagt einen Begriff, zum Beispiel Wasser – Person B führt nun ebenfalls assoziativ einen Begriff an, der – was bei der
Metonymie wichtig ist – in einer zeitlichen, räumlichen oder kausalen Beziehung zum ersten steht, zum Beispiel Badewanne, Person C führt dies fort: Stöpsel, D: Kette, E: Metall, F: Eisen, G: Fabrik, H: Kantine, I: Schweinebraten usw. So ergibt sich also eine assoziative Kette, deren Signifikat (Idee, Vorstellung: Sinn) immer wieder zugunsten der Assoziation, wie Barthes völlig richtig schreibt, ‚zurückweicht‘ – sie ist unendlich und kann unendlich viele Bedeutungen haben: allgemeingültige Festschreibungen eines eventuellen Sinns sind völlig aussichtslos. Es hört sich verrückt an, aber (post-)strukturalistische Textinterpretationen, oder spätere Ansätze, welche in dieser Tradition stehen, kommen gelegentlich durchaus ganz ähnlich daher: da werden dann nicht nur assoziativ mögliche Reime auf Wörter eines literarischen Textes gesucht, um bisher unbekannte Sinnebenen anzureißen, sondern auch Pseudoetymologien entwickelt, die zwar sachlich nicht korrekt sind, aber wiederum auf Interpretationsmöglichkeiten verweisen, die durchaus denkbar erscheinen (wenn wir uns weiterhin mit der Frage, »Was ist ein Text?«, beschäftigen, lesen wir vielleicht auch etwas von Derrida, der solches relativ häufig vollzieht.)
2. bleibt zu klären, warum Barthes behauptet, der Signifikant (die Äußerung) sei etwas, dass der Bedeutung, die, wie wir gesehen haben, nicht statisch ist, nachsteht. Ich denke, man muss diesen Punkt rezeptionsästhetisch erläutern: Ein Text wird aus bereits im Rezipienten angelegter Bedeutung konstituiert – man kann nichts assoziieren, das nicht irgendwie psychisch angelegt ist und somit Bedeutung trägt, also ein Signifikat ist (dementsprechend geht die Psychologie auch davon aus, dass Gedanken durch die Umwelt determiniert sind, wodurch aus Assoziationen bedeutungstragende Rückschlüsse – auf eben diese Determinationen – gezogen werden können, die voraussetzen, dass die Bedeutung vor der Assoziation, d.h. sprachlichen Äußerung, gegeben war). Ebenso verhält es sich mit dem assoziierten Text: er konstituiert sich vor dem individuellen Hintergrund eines jeden Rezipienten anders – die individuelle Bedeutung ist also in gewisser Weise vor dem Lesen des Textes (im Rezipienten) vorhanden – die Bedeutungsartikulation (Signifikant) erfolgt nachträglich. Es verhält sich hier nicht wie bei dem Werkbegriff, der davon ausgeht, dass ein Signifikat der »erste Teil der Bedeutung« ist. Das die Betonung auf dem Rezipienten liegt, verdeutlicht abschließend nochmals nachstehendes Zitat: »Ein Werk, dessen durch und durch symbolisches Wesen konzipiert, perzipiert und rezipiert wird, ist ein Text.« - Der Weg vom »Werk zum Text« wird also über die Konzeption, Perzeption (Wahrnehmung/Vorstellung) und Rezeption geschaffen. Ein Ansatz, der den Rezipienten stark macht: der (individuelle) Text entsteht im Zuge der Rezeption. Dies bedingt und evoziert gleichzeitig die dezentrale Struktur des Textes.
Der Text als dezentrale, dynamische Struktur
Zusammenfassend ist der Text laut Barthes »ein System ohne Ende noch Zentrum«: er ist von Rezipient zu Rezipient, obwohl ein identisches Werk, identische Materialität, das gleiche Buch vorliegt, immer anders, potenziell unendlich und dynamisch. (Der dynamische Aspekt wird noch deutlicher, wenn wir die anderen Sätze besprechen)
Ich möchte mittels einer Frage an euch auf einen Aspekt aufmerksam machen, den man in Barthes Text vielleicht schnell unterschlagen könnte: Kann er auf den Werkbegriff verzichten? (Mit dieser Frage ist auch die Frage nach dem Autor eng verbunden – man könnte also anschließend diskutieren: Kann er hier auf den Autor verzichten?)
Ansonsten: habe ich mich irgendwo unverständlich ausgedrückt- bitte Fragen.
Beste Grüße,
AS
P.s.: Ich möchte außerdem nochmals an die Etymologie des Wortes ‚Text‘ erinnern, welches Textur, Gewebe bedeutet. Vielleicht hilft es, wenn man sich den Barthes’schen Textbegriff - bis zu dieser Stelle, dem Satz "Zeichen" - wie ein assoziatives, metonymisch gebildetes Gewebe vorstellt, dass jeder Rezipient eigenständig webt.